Schekaago

Chicago funkelt silbern!

Wusstet ihr, dass Chicago an einem riesigen See liegt? Jaja, ich weiß schon, dass ihr wusstet, dass es an einem riesigen See liegt, aber wusstet ihr, dass es an einem RIESIGEN See liegt?

Als ich gestern am Strand entlang nach Downtown gelaufen bin, musste ich mir wie ein Mantra vorsprechen: „es ist nicht das Meer, es ist nicht das Meer…“ aber es hilft nicht. Es ist wie das Meer.

Was nicht gerade nett ist: Man findet an besagtem Strand an der Northside nur joggende, schwitzende, gestählte und gebräunte Menschen, die einem zeigen, wieviel sie leiden, um gestählt und gebräunt zu sein. Nicht wie in Miami, wo die Einstellung ungefähr lautet „Uuups, wir sehen zufällig in Badesachen total gut aus…“. Hier im Strand von Chicago lautet die Message eher „SCHAU dir diesen Körper an, und sieh, wie ich dafür leide, und jetzt überleg mal, was DU tust! na? noch Selbstwertgefühl? nein? GUUT!“ Naja aber nicht unfair sein, Körperkult ist natürlich nur ein Teil der „Windy City“.

Hier kann man so Fahrdinger mieten und Touren machen… sieht aber beknackt aus!

Ein anderer ist Kultur! Chicago brüstet sich mit Musik und Theater und so ist es nicht verwunderlich, dass hier den ganzen Sommer über, mitten in Downtown, im Millenium-Park gratis Konzerte unter freiem Himmel stattfinden.

Ein riesiges Konzerthaus steht dort, nur dass es kein Haus ist, sondern eine filigrane Stahlstrebenkuppel über grünem Rasen und eine ausgefuchste Soundanlage. Dort wurde gestern  Mahlers Zweite gegeben. Für alle, die sich jetzt fragen „Mahlers Zweite? Konnte die besser kochen als die Erste?“ – das ist eine Sinfonie. Mit Orchester, Chor und Solisten, und mit Wummmmmmmm.

In einem Konzertsaal?
Falsch! Im Park! (selbe Position)

Gegen 6 füllte sich der Rasen mit ca. 20 Prozent von Chicago, nämlich der oberen Mittelschicht, alle Altersgruppen, bewaffnet mit Decken, Klappstühlen und Verpflegung – Verpflegung entlang einer Skala von Chips mit Dip bis Braten und Salat.

Die „Auferstehungssinfonie“ wurde durch die Verstärker über den Köpfen klar und deutlich auf die Masse gepustet, als säße man tatsächlich in einem Gebäude mit hervorragender Akustik. Das Ganze wurde begleitet von Möwengekreische und punktgenau am Ende des vierten Satzes, gleich nachdem der letzte Ton der Altistin langsam verklungen war, ertönte eine Feuerwehrsirene. Dazu färbte sich der Abendhimmel violett und die Wolkenkratzer gewannen an Kontur. Was die Chicagoer einfach mal so mitten in der Stadt für umme bekommen, nennt sich woanders Erlebnismanagement.

Waehrend vorne die Musik spielt, wird es ueber dem Stahlskelett nacht.
Crowne Fountain: Animierte Gesichter spucken reales Wasser.

Ich bin sehr viel im Hostel, weil mich die Latscherei ermattet und man dort jede Menge Kram für lau kriegt. Auch die Umgebung ist nett, es handelt sich um eine gehobene Wohngegend, reihenweise alterwürdige Wohnhäuser, deren Türen so aussehen, als könnte man sich mit ihnen über frühneuzeitliche Literatur unterhalten. Das düstere Chicago mit den Bluesbars, den Gangstern und den windigen, kalten Nächten sieht man hier nicht… mal sehen, ob ich es noch finde…

Die Häuserfronten in der Nachbarschaft sprechen Bände – und zwar auf Latein.
Downtown in sicherer Entfernung…

 

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