Helem – Traum

Im Libanon ist Homosexualität illegal – schwullesbisches Leben gibt es trotzdem. Die Organisation „Helem“ kämpft für die, die eigentlich nicht existieren dürften. Erschienen in Du&Ich, Dez/Jan 2012

Welcome to Gayrut. Beinah süßlich verlockend klingt der Spitzname der schwul-lesbischen, bi- und transgender (LGBT)-Szene Beiruts, verwirrt er doch mein westeuropäisches Ohr mit Assoziationen von mediterran-orientalischer Exotik und wilderotischem Partyvergnügen gleichermassen.

In der Hauptstadt des Libanon sind inzwischen schicke Bars und Nachtclubs in die einst kriegsgeschliffenen Gebäude der neuen Ausgehviertel Hamra und Gemmayze eingezogen. Wo Gaybars und -clubs mit Namen wie « Milk », « Ghostbar », und « Wolf » sich nicht in Kellern verstecken, sondern selbstbewusst zeigen – haben hier Schwule und Lesben überhaupt noch unter der öffentlichen Ächtung zu leiden, die man in Ländern des Nahen Ostens allgemein vermutet?

Helem – das ist im Arabischen die Abkürzung für « Schutz libanesischer Lesben, Schwuler, Bisexueller und Transgender », heisst aber zugleich auch « Traum ». Helem ist vermutlich die wichtigste Nichtregierungsorganisation für LGBT im Libanon. Am Rande des Ausgehviertels Hamra belegt sie einen kleinen Teil des « Zico House », einem wunderschönen Gebäude und Freiraum für künstlerische Aktivitäten, Clubs und Protestbewegungen. An diesem Nachmittag Mitte Juli ist die Hitze und Feuchtigkeit in Beirut gewohnt unerträglich, auf der Strasse bewegen sich hupend und auspuffend die Autos millimeterweise fort. Ich bin bewaffnet mit einem Notizblock auf der Suche nach jemandem, der mir meine Fragen zu Helem beantworten kann. Adressen sind in Beirut nicht geläufig und ich bin froh, dass ich das Gebäude kenne. Dort allerdings weist kein Schild und kein Wegweiser auf die NGO hin. Ich frage im Café des Zico House: Über die Terrasse, nächste Tür links! Auch dort finde ich nicht, wie erwartet, ein Büro, einen Empfang oder ein Besprechungszimmer; auch nicht das Logo, das die schicke Website Helems ziert, empfängt mich – ich stehe vielmehr in einem kleinen Wohnzimmer: Sofas, Ventilatoren, ein Hochbett. Drei Frauen entspannen und sehen im Fernsehen ein Musikvideo einer heftig geschminkten libanesischen Sängerin an. Ich stelle mich vor und frage nach einem Ansprechpartner – durchaus nicht unverkrampft, denn ich habe bereits erfahren, dass ab und an Regierungsvertreter kommen und unangenehme Fragen stellen. Ich will kein Misstrauen erregen, glaube aber dennoch, welches zu spüren.

Die jungen Frauen sagen nichts (vielleicht können sie kein Englisch?), aber eine von ihnen verschwindet in einen Flur hinter dem Wohnzimmer, das, wie ich später erfahre, das Helem-Community-Center ist. Eine Minute später begrüsst mich Simon, der sich als Sozialarbeiter für die Organisation vorstellt und mich neugierig ausfragt, während ich in meinem Block nach einer Seite ohne Schweissflecken suche. Woher ich komme, für welche Zeitung ich schreibe, ob ich Mitglied einer Organisation bin. Dass ich nur Student bin und einfach neugierig, irritiert ihn kein Stück.

Simon ist etwa Mitte zwanzig und vereint Lockerheit mit Professionalität. Er bietet mir einen der beiden Lehnstühle an, die sich zusammen mit seinem Schreibtisch in sein maximal acht Quadratmeter kleines Büro quetschen. Er ist locker und gesprächig. Man merkt ihm an, dass er viele der Antworten auf meine Fragen bereits auf den Lippen hat. Allein dass er bis zum Ende unserer Unterhaltung vergisst, mir ein Getränk anzubieten, lässt vermuten, dass ich ihn ein wenig überrumpelt habe.

Ich möchte erfahren, was Helem macht, wer ihnen dabei hilft und wer sie behindert. Vor allem aber will ich von Simon wissen, wie sich seiner Meinung nach die Situation der LGBT in Beirut und im restlichen Libanon entwickeln wird.

Die wichtigste Tätigkeit Helems, sagt Simon, sei die Gesundheitsprävention. In Sachen HIV-Infektion bietet Helem Informationsveranstaltungen für seine Mitglieder und sendet SozialarbeiterInnen in die bekannten cruising-Gegenden, also inoffizielle Treffpunkte, an denen Homosexuelle Dates finden können. Helem leistet dort Aufklärung über gesundheitliche Risiken und Schutz vor HIV und anderen Infektionen. Auf diese Weise gewinnt Helem auch Mitglieder und erhöht seinen Bekanntheitsgrad in der LGBT-Gemeinde. Beirut ist keine anonyme Metropole, Neuigkeiten und Gerüchte kursieren schnell und in der Partyszene kennt jede jeden.

Etwas schwieriger zu fassen seien da die Arbeitsbereiche awareness – öffentlicher und medialer Umgang mit Homosexualität und nonkonformen Lebensentwürfen – und advocacy – rechtliche Unterstützung für LGBT. Im Libanon ist Homosexualität nach wie vor illegal. Der Artikel 534 des Strafgesetzbuchs verbietet « unnatürlichen Geschlechtsverkehr », was oft zuungunsten derer ausgelegt wird, die für homosexuell gehalten werden. « Wenn du hier in Beirut in einer Schwulengegend ein Verbrechen melden willst, werden sie dich fragen, was du dort gemacht hast. Sie machen dich erstmal zum Kriminellen, obwohl du selbst Opfer bist. Verdächtige werden verhaftet und auf der Polizeistation misshandelt. », erklärt Simon.

Schwules Leben in Beirut geschieht halbverborgen. In den Bars und Clubs, auf Internet-Dating-Seiten, an cruising-Stränden. Die Orte sind bekannt, im Netz und in Reiseführern nachlesbar. Taxifahrer wissen über die Bedeutung von « Milk » ebenso Bescheid wie die Polizei. Das Thema ist präsent und dennoch wird darüber geschwiegen. Helem will dieses Schweigen mit Information austreiben. Simon hat bereits einige kleine Veränderungen im Umgang der Medien mit Homosexualität und Transgender bemerkt. Früher habe man diese Phänomene immer nur im Zusammenhang mit Drogenmissbrauch, Kriminalität und Traumata dargestellt – etwa Opfer von häuslicher Gewalt oder Vergewaltigung, die homosexuell wurden oder ihr Geschlecht ablehnten. Man habe auch keine klare Trennlinie zwischen Homosexualität und Kindesmissbrauch gezogen. All dies sei teils noch immer so, allerdings habe der Moderator einer beliebten Talkshow kürzlich einen Zuschauer korrigiert, der in seinem Kommentar das Wort « pervers » im Zusammenhang mit gleichgeschlechtlichem Sex verwendet habe. Simon fügt hinzu: « In der Regel kommt es darauf an, ob die Programme auch in Saudi-Arabien ausgestrahlt werden, oder nicht. » Saudi-Arabien gilt als sehr konservativ und das dortige Publikum ist wohl noch nicht an einen vergleichsweise liberalen Umgang mit Homosexualität gewöhnt.

Inzwischen empfängt Helem in seinen bescheidenen Räumlichkeiten ab und an Journalisten, die über die vielfältigen Ausformungen des LGBT-Lebens aufgeklärt werden möchten. Über die Orte, Praktiken und Besonderheiten des Gay Nightlife, über Dating, Lebensentwürfe oder so spezifische Fragen wie den Unterschied zwischen Transsexuell und Transgender. Auch für die wachsende Mitgliederschaft bietet Helem wöchentliche Informationstreffen, Filmscreenings, Diskussionen – sowie einen ständigen Zufluchtsort und eine 24-Stunden-Ratgeberhotline. All dies wird geplant, verwaltet und ausgeführt von nicht mehr als vier ständigen Mitarbeitern. Aber Helem besteht nicht ausschliesslich aus den Büros hinter dem gemütlichen Wohnzimmer im Zico House. Sein Netzwerk erstreckt sich wesentlich weiter: « Die Probleme liegen nicht allein bei der LGBT-Gemeinde. Kindesmissbrauch, häusliche Gewalt und Folter gehören auch zum Bild des heutigen Libanon. Daher arbeiten wir eng mit anderen libanesischen Organisationen zusammen. Wenn jede sich auf ihr Feld beschränken würde, wären wir zu schwach. »

Kann Helem frei aktiv werden oder werden ihr seitens der Regierung Steine in den Weg gelegt? « Die Steine kommen nicht von der Regierung, sondern von den Religionsführern. Im Libanon fallen Fragen zum Familienrecht unter deren Weisung. Dagegen unterhalten wir gute Beziehungen zum Justizministerium, zum Innenministerium und zum Gesundheitsministerium. » Das mag vielversprechend klingen, wirkt aber bittersüss neben der Tatsache, dass die libanesische Regierung Helem bis heute nicht als legalen Verein anerkannt hat. Der Antrag hängt seit 2004 in der Schwebe. Die Ziele und Forderungen Helems greifen schliesslich an die Wurzeln einer Gesellschaft, in der die Religion eine wichtige Rolle in Politik und Öffentlichkeit spielt und traditionelle Familien- und Geschlechterbilder durchaus noch breitflächige Bedeutung haben.

Simon wirkt erstaunlich optimistisch, gemessen an den schwachen Beispielen für Fortschritte, die er mir nennt. « In Beirut waren wir erfolgreich. Hier ist es leichter als in Städten wie Tripoli, oder in den Dörfern. » Beirut ist für westliche Investoren und politische Akteure ein Tor zum Nahen Osten. Hier spricht man Englisch, zahlt die Mieten in US-Dollar und kleidet sich in H&M oder Jack&Jones. Helems Ziel ist es, auch in die konservativeren Gegenden des kleinen Landes vorzudringen und die Köpfe der Menschen, vor allem der Politiker und Polizisten zu erreichen. Dabei geht es noch lange nicht um Antidiskriminierung am Arbeitsplatz, Homo-Ehe oder Adoption. Helem und sein Netzwerk kämpfen für ein öffentliches Leben Schwuler, Lesben und Transgender, ohne Scham und Heimlichtuerei, frei von Verfolgung. Sie fordern nicht mehr und nicht weniger als ein Recht auf Existenz.

Website: www.helem.net

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